Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung FASSADEN_AUGEN_ZUFALLSFUNDE

INSELGALERIE Berlin

Dr. Gabi Ivan, 2018

 

Silke Miche sieht in ihren jüngsten Gemälden die Stadt als Lebensraum, wie sie ihn in den neuzeitlichen Architekturen von Mitte bis Marzahn erlebt. Spiegelung, Illusion, Kästen, Treppe, Hochhäuser, Fassaden, Plätze, endlose Reihungen, kleine Himmel, fehlende Horizonte – quasi die Stadt als Burg, in deren Mauern unser massenhaftes Eigenleben mit und ohne Arbeit und mehr oder weniger Freiraum stattfindet, geschützt, vor einem wilden Draußen, das es ja eigentlich auch nicht mehr gibt. Reguliert und diszipliniert ist das Leben im Beton, aber auch kommunikativ und voller Möglichkeiten. So gestaltet Silke Miche die imposanten Fassaden als geballte Ladungen machtvoller Form-, Licht- und Farbenergien. Menschenmassen drängen sich, Bauelemente wimmeln und flirren, verunklaren den Blick und löschen alles Pathos vor Bauten, die in uns kaum den Zustand des Erhobenseins wie vor weiten Landschaften oder Gebirgen auslösen. Silke Miche hat für ihre Darstellungsweisen Techniken entwickelt, die der Stadt alles Kuschelige austreiben. Sie schichtet u. a. in ihren Gemälden Öl- und Acrylfarben und bearbeitet letztere mit einer Art de-collage-Verfahren, das die Malhaut verletzt und unregelmäßige Farbabrisse als Fehlstellen provoziert. Diese stören und beunruhigen als dunkle Schwaden und Schwärme das Flimmern und Funkeln, nehmen den Fassaden den Hochglanz und zugleich ihren späteren Verschleiß vorweg.

 

Bevor sich Silke Miche dem Thema Stadt und Peripherie, also dem äußeren Menschenwerk, zuwandte, blieb ihr durch ihre Kinder nur ein kleiner künstlerischer Radius, räumlich und zeitlich. Die Bilderreihe „Interieur“, hier durch fünf Arbeiten vertreten, entstand im Innenraum, in der eigenen Wohnwelt. Locker, impulsiv und farbenfreudig, in Nahsicht oder freigestellt auf hellen Leinwänden malte sie Stillleben von Bücherstapeln, Zeitschriftenstößen, vom Computertisch oder Malutensilien. Ordnung und Chaos, zeitweilig Aufgetürmtes, Liegengelassenes oder beiseite Geräumtes zeugen von produktiver Dynamik und zugleich künstlerischer Behauptung, mit der sich Silke Miche durchsetzte und zu Anerkennung gelang. Sie ist keine Figurenmalerin. Doch die Anwesenheit und das Handeln des Menschen spiegeln sich in den von ihm geschaffenen und benutzten Gegenständen.

 

KATALOGTEXT 

 

Dr. Janina Dahlmanns, 2017

 

Die Kunst Silke Miches beschäftigt sich mit den Blicken der Alltäglichkeit. Diese werden zu künstlerischen Reflexionen, zu eigenständigen Farbgebilden und vielfältigen Strukturen.  

Ausgangspunkt von Miches Kunst sind zufällig vorgefundene Formen, Räume oder Dinge. Das können die gepressten Verpackungen oder Pappkartons in einem Abfallcontainer sein, Bücherstapel, ein achtlos fallen gelassenes Kleidungsstück, Fensterreihen oder Hauswände der städtischen Peripherie. Es sind alltägliche Dinge, die unsere Lebenswelt umgeben, zunächst aber kaum als ästhetische Werte wahrgenommen werden. In diesen Motiven entdeckt und erkundet Silke Miche die formalen Strukturen, die sie in die Bildgesetze der Malerei überträgt. Die Zufälligkeit der vorgefundenen Form wird im Bild zu kompositorischer Festigkeit und entwickelt einen eigenständigen Wert. Die ganze Vielfalt malerischer und farblicher Möglichkeiten wird ausgeschöpft: leuchtende Farbe steht neben verhaltener Tonigkeit, transparente Flächen neben opaker Dichte. Diese Kontraste bauen bildnerische Spannung auf, ebenso wie der Gegensatz von Farbe und Nichtfarbe, von Negativ- und Positivformen.

Die Strukturen der gesehenen Umgebung werden in der Bildebene zu Strukturen der malerischen Oberfläche. Einzelne Schichten überlagern sich, werden teilweise wieder abgelöst, so dass ein lebendiges Spiel von Farben und Texturen entsteht. Dabei übermalt sie ihre Bilder immer wieder und fügt neue Schichten von Farbe hinzu. Ältere Schichten schimmern hervor, verleihen der neuen Oberfläche eigene Qualitäten. An manchen Stellen wird die oberste Farbschicht wieder bewusst entfernt, durch den Spachtel oder den Einsatz von Klebstreifen, an denen zufällig Partikel hängen bleiben.

Miches Bilder zeigen, wie die aktuell sichtbare Oberfläche entstanden ist – und dass sie ohne die zahlreichen Schichten und Überlagerungen nicht so aussähe, wie sie ist. Die Formen und Strukturen sensibilisieren für die Reflexion über das Sichtbare der Malerei, das ohne den Prozess der Arbeit nicht möglich wäre. Zugleich eröffnet sich eine philosophische Dimension über die Oberfläche und die ihr zugrundeliegenden Ebenen und Schichten.

 

So entsteht in Miches Bilder ein spannungsvolles Spiel mit Abstraktion und Gegenständlichkeit. Zugleich lenken sie den Blick des Betrachters zu einer erweiterten Wahrnehmung der alltäglichen Welt. Die Seherfahrung ihrer Kunst macht die Poesie des Alltags und des städtischen Umfelds sichtbar.