Katalogtext anlässlich der Ausstellung VOIDS

KUNSTGALERIE ALTES RATHAUS FÜRSTENWALDE

Christian Köckeritz, 2021

 

VOIDS - SILKE MICHE

„Voids“ – englisches Substantiv, Plural. Deutsch:  Hohlräume, Lücken, Leerräume.

Auf der Fahrt in das vom Berliner Senat geförderte Atelier von Silke Miche sah man diese „voids“ so gut wie kaum. Im ehemals grünen Umland der Hauptstadt musste jeder naturnahe „Leerraum“ einer grauen, betonierten, einheitlichen Masse weichen. Selbstredend wird diese Empfindung auch von der jeweiligen Witterung beeinflusst, denn so farbgewaltig, wie die Gebäudefassaden in Miches Gemälden leuchten, sieht man den Berliner Gesundbrunnen kaum. „Berlin ist keine Stadt, Berlin ist ein Phänomen“, rekapitulierte einst der Berliner Künstler Wolf Vostell.[1] Und tatsächlich, Berlin hat seine Reize. Miches Gemälde, auch wenn nicht im Titel lokalisiert oder im Motiv topografisch genau erkennbar, verdeutlichen ein großstädtisches Antlitz mit Vielseitigkeit, aber auch struktureller Ordnung und Reduktion. Geometrisch exakt, ziehen sich Häuserfluchten über die Leinwände, so stark abstrahiert wie nötig und doch so realistisch, dass keine Gesetze der Perspektive verletzt werden.  Spannend zu beobachten, welch einer Ordnung und Struktur eine Stadt, wie Berlin, folgen kann. War es einst die individuelle ortsgebundene Erscheinung, die die Vedutenmalerei beflügelte, so ist es heute die Einheitlichkeit der Architektur, die anonymisiert und das Experimentelle in der Malerei herausfordert. „Gerade die zunächst unspektakulär erscheinende Bauweise der Moderne mit ihren seriellen Elementen reizt Miche zu einer Transformation in die Malerei“, bemerkte Dr. Janina Dahlmanns.[2] So gesehen stehen viele von Miches Arbeiten in einer langen Tradition der Berliner Stadtansichtsmalerei. Sie dokumentiert Quartiere, die in ihrer äußeren Erscheinung einen ungeheuren Wandel erlebt haben. Im Falle vom Gesundbrunnen und Wedding nahm dieser Wandel seinen Ursprung bereits 1861 mit der Eingemeindung nach Berlin. Der anhaltenden Landflucht und der voranschreitenden Industrialisierung, folgte eine dichte Bebauung mit Fabrikhallen sowie mehrgeschossigen Wohnhäusern mit engen Hinterhöfen. Die Motivmöglichkeiten, die sich der Künstlerin heute noch bieten, sind die gleichen, lediglich der Architekturstil hat sich hier und da verändert. Die engen Mietskasernen wichen den Wohnhochhäusern der Nachkriegsmoderne. Stahl, Beton, geometrische kantige Formen – Serien und Reihen gestapelt.

Auch gesellschaftliche Parallelen zwischen der Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts und dem Anfang des 21. Jahrhunderts sind in Bezug auf die sozialen Probleme erkennbar.[3] So verbergen sich hinter jeden der zahlreich dargestellten Balkone individuelle Wohneinheiten. Regelrechte unsichtbare Menschenmassen auf einer Malerei, die keine Menschen zeigt. Miche stellt das Alltägliche auf unheimlich sensible Art dar. Der Überfluss an Bauelementen verbirgt mit seiner Ordnung und Struktur die Unruhe, die sich in einer Metropole eigentlich überschlägt. „Voids“ findet man auf den Bebauungsplänen der Städte nämlich eigentlich nicht. Die im beschaulichen Nordhausen geborene Silke Miche studierte von 1997 bis 2004 Malerei und Freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Was also die motivische Bandbreite angeht, kann Miche bereits auf eine lange „Berlin-Erfahrung“ zurückblicken.

In der geometrischen Genauigkeit und dem Wechselspiel zwischen flächigen Farbauftrag und Linearität erkennt man auch den Einfluss ihres Lehrers Hanns Schimansky. Beide Künstler schaffen auf unterschiedliche Weise eine plastische Dimension – Miche mit ihren immer wiederkehrenden Stapelungen und Gitterrastern und Schimansky mit seinen Papierknickkanten, den sogenannten „Faltungen“. Die Arbeitsweise Miches wirkt aber noch komplexer. Grelle Farbschichten, aneinandergereiht und chirurgisch, präzise voneinander getrennt, treffen auf pastellfarbene, matte Töne oder gar auf farblose Leerräume. Frühere Farbschichten schimmern opak durch später aufgetragene Farbflächen hindurch. Neben den akkurat gesetzten Pinselstrichen, beschädigt Miche andere Bereiche, in dem sie wie ein Bildhauer Material entfernt. Kratzend, schabend oder auf den Zufall vertrauend mit aufgesetzten Klebestreifen, an denen Farbreste hängen bleiben, verschwinden und entstehen aufs Neue die Bildebenen, die die Malerei letztlich zur Vollendung führen.  „Voids“, demnach auch ein Bezug auf die technische Herangehensweise Miches.

 

[1] W. Vostell, In: Kat. Vostell. Retrospektive, Berlin 1975.

[2] Dahlmanns, Janina, In: Kat. Silke Miche. Konstellationen, Berlin 2019, S. 2.

[3] Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen: Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2017, unter:  https://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/download/2017/tab/1.SDI_MSS2017.pdf (abgerufen am 09.01.2021).
 

 

Presseartikel anlässlich der Ausstellung KONSTELLATIONEN

Thomas Pilz, Gransee-Zeitung, 22.06.2020, 3 Oberhavel

Vernissage Malerin Silke Miche stellt seit Sonnabend in der Kirche am Weg aus.

 

Dannenwalde. Die Eisblockade für die Kunst schmilzt allmählich: In der Kirche am Weg in Dannenwalde wurde am Sonnabend eine neue Ausstellung eröffnet. Malerin Silke Miche, Absolventin der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, zeigt Werke, die sich mit der Poesie des Alltäglichen auseinandersetzt. Natur holt sich morbide Baukultur zurück, Verfallenes wird von frischem Grün überwuchert. Eine Korrespondenz von Architektur und Landschaft, die sich faszinierend im Ausstellungsraum fortsetzt - vor allem wegen der ästhetischen Nähe. Silke Miche arbeitet mit einzelnen Farbschichten, die sie aufträgt. Teilweise verfremdet sie den Auftrag mit Lösungsmittel oder spachtelt frisch drauflos. Ein lebendiges Spiel von Farben und Formen wird sichtbar, das überraschenderweise auch die Dannenwalder Kirche mit ihren historischen Farbschichten zeigt - etwa auf dem Epitaph.

Das Unscheinbare, am Rande des Alltäglichen wahrgenommen, bringt Silke Miche zur Geltung. Der Betrachter staunt und ist fasziniert von der neuen, zum Teil auch geometrischen Perspektive. Gegenständlichkeit kokettiert mit Abstraktion. Und wie in besten Zeiten des Jazz arbeitetet die Künstlerin offen und spielerisch mit dem Material. Der subjektive Blick des Betrachters wird zugelassen, verschont von ideologischer Nötigung. Die Poesie spricht. Der virtuose Fagottist Heiko Löchel interpretierte ein Werk des Komponisten Christfried Schmidt, was Begeisterung auslöste.

Gastgeberin Karla Woisnitza zeigte sich glücklich. Die Kirche war fast voll, die Teilnehmer der Veranstaltung trugen Masken. Betrachtet können die Bilder bis 26. Juli täglich außer montags zwischen 13 und 17 Uhr.

 

Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung FASSADEN_AUGEN_ZUFALLSFUNDE

INSELGALERIE Berlin

Dr. Gabi Ivan, 2018

 

Silke Miche sieht in ihren jüngsten Gemälden die Stadt als Lebensraum, wie sie ihn in den neuzeitlichen Architekturen von Mitte bis Marzahn erlebt. Spiegelung, Illusion, Kästen, Treppe, Hochhäuser, Fassaden, Plätze, endlose Reihungen, kleine Himmel, fehlende Horizonte – quasi die Stadt als Burg, in deren Mauern unser massenhaftes Eigenleben mit und ohne Arbeit und mehr oder weniger Freiraum stattfindet, geschützt, vor einem wilden Draußen, das es ja eigentlich auch nicht mehr gibt. Reguliert und diszipliniert ist das Leben im Beton, aber auch kommunikativ und voller Möglichkeiten. So gestaltet Silke Miche die imposanten Fassaden als geballte Ladungen machtvoller Form-, Licht- und Farbenergien. Menschenmassen drängen sich, Bauelemente wimmeln und flirren, verunklaren den Blick und löschen alles Pathos vor Bauten, die in uns kaum den Zustand des Erhobenseins wie vor weiten Landschaften oder Gebirgen auslösen. Silke Miche hat für ihre Darstellungsweisen Techniken entwickelt, die der Stadt alles Kuschelige austreiben. Sie schichtet u. a. in ihren Gemälden Öl- und Acrylfarben und bearbeitet letztere mit einer Art de-collage-Verfahren, das die Malhaut verletzt und unregelmäßige Farbabrisse als Fehlstellen provoziert. Diese stören und beunruhigen als dunkle Schwaden und Schwärme das Flimmern und Funkeln, nehmen den Fassaden den Hochglanz und zugleich ihren späteren Verschleiß vorweg.

 

Bevor sich Silke Miche dem Thema Stadt und Peripherie, also dem äußeren Menschenwerk, zuwandte, blieb ihr durch ihre Kinder nur ein kleiner künstlerischer Radius, räumlich und zeitlich. Die Bilderreihe „Interieur“, hier durch fünf Arbeiten vertreten, entstand im Innenraum, in der eigenen Wohnwelt. Locker, impulsiv und farbenfreudig, in Nahsicht oder freigestellt auf hellen Leinwänden malte sie Stillleben von Bücherstapeln, Zeitschriftenstößen, vom Computertisch oder Malutensilien. Ordnung und Chaos, zeitweilig Aufgetürmtes, Liegengelassenes oder beiseite Geräumtes zeugen von produktiver Dynamik und zugleich künstlerischer Behauptung, mit der sich Silke Miche durchsetzte und zu Anerkennung gelang. Sie ist keine Figurenmalerin. Doch die Anwesenheit und das Handeln des Menschen spiegeln sich in den von ihm geschaffenen und benutzten Gegenständen.

 

KATALOGTEXT 

 

Dr. Janina Dahlmanns, 2017

 

Die Kunst Silke Miches beschäftigt sich mit den Blicken der Alltäglichkeit. Diese werden zu künstlerischen Reflexionen, zu eigenständigen Farbgebilden und vielfältigen Strukturen.  

Ausgangspunkt von Miches Kunst sind zufällig vorgefundene Formen, Räume oder Dinge. Das können die gepressten Verpackungen oder Pappkartons in einem Abfallcontainer sein, Bücherstapel, ein achtlos fallen gelassenes Kleidungsstück, Fensterreihen oder Hauswände der städtischen Peripherie. Es sind alltägliche Dinge, die unsere Lebenswelt umgeben, zunächst aber kaum als ästhetische Werte wahrgenommen werden. In diesen Motiven entdeckt und erkundet Silke Miche die formalen Strukturen, die sie in die Bildgesetze der Malerei überträgt. Die Zufälligkeit der vorgefundenen Form wird im Bild zu kompositorischer Festigkeit und entwickelt einen eigenständigen Wert. Die ganze Vielfalt malerischer und farblicher Möglichkeiten wird ausgeschöpft: leuchtende Farbe steht neben verhaltener Tonigkeit, transparente Flächen neben opaker Dichte. Diese Kontraste bauen bildnerische Spannung auf, ebenso wie der Gegensatz von Farbe und Nichtfarbe, von Negativ- und Positivformen.

Die Strukturen der gesehenen Umgebung werden in der Bildebene zu Strukturen der malerischen Oberfläche. Einzelne Schichten überlagern sich, werden teilweise wieder abgelöst, so dass ein lebendiges Spiel von Farben und Texturen entsteht. Dabei übermalt sie ihre Bilder immer wieder und fügt neue Schichten von Farbe hinzu. Ältere Schichten schimmern hervor, verleihen der neuen Oberfläche eigene Qualitäten. An manchen Stellen wird die oberste Farbschicht wieder bewusst entfernt, durch den Spachtel oder den Einsatz von Klebstreifen, an denen zufällig Partikel hängen bleiben.

Miches Bilder zeigen, wie die aktuell sichtbare Oberfläche entstanden ist – und dass sie ohne die zahlreichen Schichten und Überlagerungen nicht so aussähe, wie sie ist. Die Formen und Strukturen sensibilisieren für die Reflexion über das Sichtbare der Malerei, das ohne den Prozess der Arbeit nicht möglich wäre. Zugleich eröffnet sich eine philosophische Dimension über die Oberfläche und die ihr zugrundeliegenden Ebenen und Schichten.

 

So entsteht in Miches Bilder ein spannungsvolles Spiel mit Abstraktion und Gegenständlichkeit. Zugleich lenken sie den Blick des Betrachters zu einer erweiterten Wahrnehmung der alltäglichen Welt. Die Seherfahrung ihrer Kunst macht die Poesie des Alltags und des städtischen Umfelds sichtbar.